8. August 2026
Frühkonzert um fünf
Fünf Uhr morgens. Die perfekte Uhrzeit für ein Konzert, das ich extra für meinen Menschen komponiert habe. Er sieht das offenbar anders, aber Kunst wird ja bekanntlich nicht immer sofort verstanden.
Der Napf war leer. Ich möchte betonen: leer. Nicht „fast leer“, nicht „theoretisch noch ein paar Krümel drin“, sondern wirklich, vollständig, tragisch leer. Ein Zustand, der in meinem Weltbild einem echten Notfall gleichkommt und dementsprechend behandelt werden muss.
Also habe ich getan, was jede vernünftige Katze in dieser Situation tun würde. Ich bin zum Bett gegangen und habe mein Anliegen klar und deutlich vorgetragen. Erst leise, ein sanftes Maunzen direkt neben dem Ohr, quasi eine höfliche Anfrage. Als darauf keine Reaktion folgte, außer einem genervten Grummeln und einer Decke, die über den Kopf gezogen wurde, musste ich die Lautstärke anpassen.
Ich bin dann noch einmal über die Decke gelaufen, mit betont schweren Pfoten, direkt über den empfindlichsten Stellen. Das ist eine bewährte Taktik. Danach ein kurzer Ausflug zum Nachttisch, um testweise an einem Stift zu schnuppern, der theoretisch jederzeit vom Tisch fallen könnte, ganz zufällig natürlich. Mein Mensch hat die Botschaft verstanden, noch bevor der Stift fiel, was fast schade war, denn ich hatte mich schon auf den Sound gefreut.
„Es ist noch nicht mal sechs“, hat er gemurmelt, mit einer Stimme, die eindeutig noch nicht ganz wach war. Als ob die Uhrzeit irgendetwas an der Dringlichkeit meines leeren Napfes ändern würde. Hunger kennt keine Uhrzeit. Das ist eine der grundlegendsten Wahrheiten des Universums, direkt nach „Karton ist immer interessant“ und „Sonnenflecken bewegen sich, man muss ihnen folgen“.
Nach einer weiteren Runde Konzert, diesmal mit einer besonders eindringlichen, tief aus der Kehle kommenden Variante meines Miauens, ist mein Mensch schließlich aufgestanden. Mit dem typischen schwankenden Gang eines Menschen, der eigentlich noch schlafen wollte, aber jetzt eine wichtigere Aufgabe zu erledigen hat. Ich bin würdevoll vorausgegangen, den Schwanz aufrecht, um sicherzustellen, dass er auch wirklich den Weg zur Küche findet.
Das Futter, das dann in den Napf kam, war exakt dasselbe wie gestern. Trotzdem habe ich es gefressen, als hätte ich seit Tagen nichts bekommen. Man muss die kleinen Erfolge im Leben würdigen, auch wenn sie sich wiederholen.
Zurück im Bett hat mein Mensch sofort wieder geschlafen, als wäre nichts gewesen. Ich dagegen habe mich, nach einer angemessenen Portion Fellpflege zur Verarbeitung des Erlebten, auf dem warmen Fleck neben ihm zusammengerollt. Das Frühkonzert war schließlich anstrengend. Man muss sich die Energie für die nächste Vorstellung ja auch wieder aufsparen.
Kylos Weisheit des Tages: Ein leerer Napf um fünf Uhr morgens ist kein Grund zu warten, sondern ein Grund, laut zu werden.
Kylo